Yvonne Werner-Mees
 
 
 

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Atmosphärische Dichte bei "Ein Viertel Rotlicht"

BAD WALDSEE - Gewiss neugierig strömten die vielen Konzertbesucher/innen am Freitagabend in die Alte Mälzerei beim "Grünen Baum". "Hafen- und Hurenlieder" standen auf dem Programm. Dichtgedrängt - es mussten immer noch mehr Stühle und Bänke herbeigebracht werden - saß das Publikum und lauschte den Chansons von Yvonne Werner-Mees und ihrem Klavierpartner Ulrich Nötscher, und am ende füllt ein nicht endenwollender Applaus voll Anerkennung den Raum für die vielen Balladen, Moritaten, Kabarettlieder und Filmsongs.

Öfters mit aggressivem , nicht selten aber auch sentimentalem Charakter boten sich die Chansons, dar, fast immer mit sozialkritischer Tendenz. Wie kam die Interpretin zu ihrem abendfüllenden Programm? Im Auftrag der Prostituierten-Selbsthilfeorganisation "MADONNA E.V." gestaltete sie einst auf einem Benefizabend eine kurzzeitige "Rotlicht-Revue". Diese hat sich nun zu einem vollen Programm "ein Viertel Rotlicht" entwickelt, dargeboten in der neuerstandenen Mälze Bad Waldsee...

Zum Konzertabend selbst: Nach der stilgerechten Ouvertüre des Pianisten Nötscher las dieser Passagen aus dem Strafgesetzbuch über das Kapitel Prostitution mit hintersinniger Artikulation vor, und schon das erste Lied der Sängerin mit passendem Äusseren und schlangenartigen Bewegungen ihres Körpers unterstrich die programmatische Thematik. Jedoch, es war nicht allein die tänzerische Kunst, vielmehr ihr tiefsinniger Prolog über Leidenschaften, Hunger und Gier nach dem Leben, über Kauf und Verkauf, über Sehnsüchte und Wünsche des Menschen - kurz: Vor allem auch über die Psyche des Menschen, die aktive, vitale und leidende. Wie ein weises philosophisches Wort klang wehmütig der Liedgehalt "Das ist wohl bloss im Märchen drin". Dazwischen dann noch die köstliche Komik bei "Benjamin, ich hab' nichts anzuzieh'n".
Es folgten Seemanns- und Hurenslieder aus dem Rotlichtmilieu in stetigem Wechsel (zwei Stunden Gesang, eine großartige physische Leistung!), bekannte und weniger bekannte Chansons wie "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" und die Ballade von der "Judenhure" Marie Sanders oder "Enthüllungen einer Striptease-Tänzerin". Immer wieder leuchteten Highlights auf, so beim "Je ne t'aime pas", bei denen die Künstlerin ihr ganzes Können in Gesang., Darstellung und Ausdruckstanz einbrachte: die bis in feine Nuancen differenzierte, stets wandelbare Stimme mit adäquaten Sound, mit typisch personal korrespondierender Artikulation und Phrasierung. Und mit ebenso großem Können wurde sie vom Piano her begleitet, wobei Ulrich Nötscher zuweilen mit Klamauk und kleinen Verkleidungsszenen den spezifischen Ausdrucksstil unterstrich.

Der Abend wurde je länger, je mehr zu einem nachhaltigen Erlebnis. Gerade die Variationseffizienz der Sängerin, einmal die Naive, Wehleidige, Verletzbare ("Ich bin eine Dirne"), dann wieder die Feurige mit dem Wechsel von Dur zu Moll, vom Lyrisch-Elegischen zum Dramatischen, wechselnd auch das Timbre vom Lasziven zum Wehmütig-Romantischen in Pose und Bewegung, konturierte eine Künstlerpersönlichkeit hohen Ranges. Nie blieb die Aussage nur and der Oberfläche, gar dem Obszönen, sondern traf tiefste Tiefen menschlicher Seele bei atmosphärischer Dichte. Was Wunder, dass nach dem Finale bejubelnder Beifall die Künstlerin zwang, Zugabe um Zugabe zu schenken. Bemerkenswert noch das Schlusswort von Yvonne Werner-Mees vom Ringen um eigene Authentizität.

Sächsische Zeitung vom 22.06.2001